Presse

Credit Suisse Magazin

Jetzt — Die Gegenwart über alles
 
Im Buddhismus zählt vor allem eins: Die Gegenwart. Ein Interview mit Loten Dahortsang, Meditationslehrer am klösterlichen Tibet-Instituts in Rikon.

Christian Pfister: Herr Dahortsang, laut meiner Zeitrechnung ist heute der 10. Juli im Jahr 1999. In welchem Jahr findet unser Gespräch für Sie statt ?
Loten Dahortsang: Laut tibetanischer Zeitrechnung befinde ich mich im Jahr 2126 – dem Jahr des Erdhasen. Wir begannen, die Jahre zu zählen, als der erste tibetanische König sein Amt antrat. Zudem ist für mich nicht der 10. Juli, sondern der 27. Tag im fünften Monat. Zwar hat auch bei uns das Jahr 12 Monate. Doch jeder Monat dauert 30 Tage, denn wir richten uns nach dem Mondkalender. Mitte Februar feierten wir Neujahr.

Was ist für Sie Zeit ?
Im Buddhismus unterscheiden wir die fünf Grundelemente Feuer, Wasser, Luft, Erde und Raum. Überall im Kosmos entfalten sich diese Elemente. Die ersten vier sind leicht zu erklären. Nehmen wir zum Beispiel die Luft: Indem ich atme, kann ich überhaupt denken. Anders ist es mit dem Raum. Er ist das wichtigste der fünf Elemente; es ist abstrakter als die anderen – für den Zeitbegriff aber entscheidend. Der Raum ist eine Mutter, eine Schöpferin, eine Quelle, von der aus sich alle anderen Elemente entfalten. Erst er ermöglicht die Existenz. Zeit und Raum sind untrennbar. Im Buddhismus haben wir immer ein weibliches und ein männliches Prinzip, die sich vereinigen. Das männliche, aktive, entspricht der Zeit, das weibliche dem Raum. Zeit ist deshalb die aktive Form von Raum.

Mit dieser Erklärung könnte ein Tösstaler Bauer in Ihrer Nachbarschaft aber nicht viel anfangen. Wie würden Sie denn ihm die Zeit erklären ?
Das ist eine knifflige Frage (lacht herzhaft). Zeit ist abstrakt. Und dies einer Person zu erklären, die sich wenig damit auseinandersetzt, ist schwierig. Zumal sich das Wesen der Zeit in seinem umfassenden Sinn nur erahnen lässt. Denken hilft da nicht viel weiter. Zeit ermöglicht, das Zusammenleben zu organisieren. Im Buddhismus, für den meditativen Menschen, führt das Wesen der Zeit aber noch zu anderen Bewusstseinsebenen. Ziel ist die höchste Form der Selbsterkenntnis.

Welches sind die wichtigsten Zeitelemente im Buddhismus ?
Die wichtigsten Zeiteinheiten sind Tag und Nacht. Der Tag ist das männliche Prinzip, die Nacht das weibliche. Der Nacht weisen wir Erkenntnis und Weisheit zu, dem Tag die Aktivität. Wichtige Meditationen, die mit dem Weiblichen zu tun haben, werden deshalb nachts durchgeführt – und umgekehrt. Zudem ist der vierte Monat heilig. In dieser Jahreszeit durchlebte Buddha seine entscheidenden Entwicklungen. Und nicht zufällig ist die wichtigste Gottheit im tibetanischen Denken die Gottheit Kalachakra: Kala steht für Zeit, Chakra für Rad – zusammen also der Rad der Zeit. Das zeigt, wie bedeutungsvoll für uns die Erkenntnis der Zeit ist.

Der Kapitalismus diktiert unbarmherzig: Zeit ist Geld. Was halten Sie davon ?
Die Aussage steht für die lineare Zeit, die relative Wirklichkeitsebene, wie wir Buddhisten das nennen. Man kann der Aussage durchaus Positives abgewinnen. «Zeit ist Geld» kann nämlich auch heissen: Der Mensch weiss die Zeit zu schätzen. Dabei sind aber die Fragen entscheidend: Helfe ich den Menschen mit meinem Tun, versuche ich, mich geistig weiterzuentwickeln? Wichtig ist das Nachdenken darüber, ob wir unsere Zeit richtig nutzen. Denn nur Geld zu verdienen kann ja nicht der Sinn des Lebens sein.

Was bedeuten Ihnen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ?
Sie führen mich zu einem zentralen Thema. Menschen, die ins Kloster zum Meditieren kommen, machen immer den gleichen Fehler. Sie haben Erwartungen, möchten etwas erreichen. Meditation ist aber eine Sache der Entspannung. Sie gelingt nicht, wenn wir etwas erreichen wollen. Meditation ermöglicht das Erleben von absoluter Wunschlosigkeit. Der gravierende Fehler des westlichen Menschen ist: Wo auch immer er hinschaut – er möchte etwas erreichen. Er steht unter permanentem Leistungsdruck. Und das hat viel mit dem Zeitempfinden zu tun. Ständig geistert in der westlichen Welt die Zukunft herum. Dabei existiert die Zukunft gar nicht.

Wie bitte ?
Die Zukunft ist nichts anderes als eine Erwartung, die wir gegenwärtig haben. Ähnliches gilt für die Vergangenheit; sie ist eine gegenwärtige Erinnerung. Alles, was geschieht, findet in der Gegenwart statt, hier und jetzt. Um das zu erkennen, hilft in der Meditation das völlige Erleben des Atems: Was wir einatmen ist die Zukunft, was wir ausatmen die Vergangenheit. Dieses Gewahrsein des Atmens ist die Gegenwart. Und da wollen wir als Buddhisten hin. Denn in der wahren Lebensgestaltung existiert nur das Jetzt. Wir sprechen jetzt, die Pflanze wächst jetzt, der Wind bläst jetzt. Vergangenheit und Zukunft existieren nur in unserer Vorstellung, nur die Gegenwart ist real. In dieser Erkenntnis liegt das Geheimnis, wie wir dem Zeitzwang entkommen.

Gibts noch mehr Unterschiede zum westlichen Zeitempfinden ?
Im westlichen Denken ist die Zeit linear; die Existenz führt von der Schöpfung zum Untergang. Der Buddhismus denkt in Zyklen. Zeit ist kein Fluss, der von einem Punkt zum andern führt. Zeit ist für uns ein unendlich weiter, tiefer Ozean. Wir haben viel mehr Zeit, weil wir Zeit nicht linear betrachten. Da wir an die Wiedergeburt glauben, sprechen wir auch vom ersten, zweiten oder dritten Leben. Das schenkt Gelassenheit. Im westlichen «Zeit- und Uhrendenken» kommt immer nach der Eins die Zwei und dann die Drei und so weiter. Im Westen empfinden Sie sich als Punkt auf dem Zifferblatt einer Uhr; die Zeiger streichen an Ihnen vorbei; Sie wissen nie, wo die Zeiger stehen. Die Menschen im Osten hingegen sitzen auf dem Zeiger. Für sie ist immer jetzt, jetzt, jetzt. Nicht immer der Zukunft anzuhängen, daran erinnert die orientalische Weisheit: Der Weg ist das Ziel.

In der Bibel steht: «Ein Tag vor Gott ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind wie ein Tag.» Können Sie dieses Rätsel lösen ?
Für mich zeigt das Zitat den Unterschied zwischen erlebter Zeit und chronologischer Zeit. Zwei Stunden erscheinen einem bisweilen wie zehn Minuten, wenn man in etwas vertieft ist. In Momenten der Langeweile ist es dann umgekehrt. Wenn Sie zum Beispiel in die Lektüre versunken sind, dann erleben sie die Zeit nicht mehr. Sie erleben fast eine Zeitlosigkeit, die viel mit dem Meditationserlebnis gemeinsam hat. Jeder Mensch kennt das. Die erlebte Zeit verschiebt unsere Auffassung von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart.

Wäre das ideale Zeitempfinden nicht eine Mischung aus westlicher Zukunftsorientiertheit und östlichem Gegenwartsbezug ?
Ich finde es inspirierend, über andere Zeitmessungen und Zeitempfindungen nachzudenken. Das gibt spannende Impulse und erweitert den eigenen Horizont, um die gewöhnliche Wirklichkeit zu überwinden. Ich möchte die Kulturen jedoch nicht gegeneinander ausspielen. Im Buddhismus gibt es keine einzig gültige Wahrheit. Dennoch glaube ich, dass das buddhistische Gewahrsein der Gegenwart für alles, was Menschen tun, bereichernd ist. Der Geist muss da sein, wo der Körper ist. Wenn ich Holz säge und nicht bei der Sache bin, kann ich mir die Hand abschneiden.

Die Betonung der Zukunft hat jedoch den Vorteil, dass sich unsereiner über die Konsequenzen einer Handlung Rechenschaft ablegen muss.
Die ist im Buddhismus nicht anders. Das hat mit dem karmischen Gesetz zu tun, dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Welche Tat führt zu welcher Wirkung? Die Frage ist in der buddhistischen Auffassung des Karma zentral; sie bedingt ein ganzheitliches Denken. Wenn ich etwas wegwerfe, so wirkt das auf andere. Wenn ich etwas sage, ebenso.

Viele beklagen hierzulande das horrende Lebenstempo. Was würden Sie ihnen empfehlen ?
Da gibts zum einen einen banalen Vorschlag: Setzen Sie immer Prioritäten. Dabei ist eine Frage entscheidend: «Was ist für mich wichtig?» Was weniger zählt – auf das sollte verzichtet werden. Das ist die praktische Seite. Eine andere Annäherung ist das Empfinden von Stress. Es gibt Menschen, die machen sehr viel und empfinden keinen Stress. Andere wiederum tun wenig und sind gestresst. Stress ist eine Einstellungssache, eine psychische Konstellation. In der hiesigen Leistungsgesellschaft gilt: Je mehr Leistung jemand bringt, desto grösser sein Wert. Davon müssen wir abkommen. Es ist besser, weniger zu machen – das dafür ausgezeichnet. So kommt es zu weniger Zeitnot und Stress.

Der Buddhismus geniesst im Westen grossen Zuspruch. Hat das auch mit dem Lebenstempo zu tun, das den Menschen zu schaffen macht ?
Da besteht sicherlich ein Zusammenhang. Viele Menschen finden keine Zeit, sich zu entspannen – weder körperlich noch geistig. Dann geraten sie in einen Strudel. Der Buddhismus bietet die Möglichkeit, neue Ideen ins Leben zu integrieren – und zwar ohne im strengen Sinne religiös zu sein oder das Leben eines Aussteigers führen zu müssen. Buddhismus ist keine Religion, sondern eine Methode, um geistige und psychische Fragen zu lösen. Er lehrt die Menschen, auf ihr Herz zu hören, auf die eigene Körpersprache zu reagieren. Darum ist Achtsamkeit für uns so zentral.

Wie meinen Sie das ?
Achtsamkeit ist der erste Schritt, sich kennenzulernen, im Hier und Jetzt zu leben. Wenn ich mit achtsamem Schritt durch einen Wald gehe, so ist das ganz anders, als einfach durch den Wald zu marschieren. Es gibt auch hundert Arten, Wasser zu trinken. Sie können es hastig runterschlucken oder so bewusst, dass sie den Geschmack des Wassers spüren. Achtsamkeit öffnet das Tor zur Meditation.

Ist Nirwana das Ende der Zeit ?
Im konventionellen, chronischen Zeitrhythmus können wir das so sagen. Ist das Nirwana aber erreicht, so befindet sich der Mensch auf einer völlig anderen Wirklichkeitsebene. Darum ist im Nirwana weder Zeit noch keine Zeit. Nirwana ist der Zustand höchster Erkenntnis. Es übersteigt unser Denken und findet jenseits der Sprache stat

Der 30-jährige Loten Dahortsang lebt sei 1982 im  klösterlichen Tibet-Instituts in Rikon. Das Kloster im zürcherischen Tösstal ist «das einzige wirklich buddhistische Kloster ausserhalb Asiens». Der Dalai Lama hat es vor dreissig Jahren gegründet.


Beitrag im Buch "Tibetisches Juwel" vom Werdverlag, erschien im September 2008

Tibetisches Juwel, Buddhismus und westliche welt im Gespräch, Tibet-Institut Rikon

„Im Gespräch mit dem Westen“ - Kurswesen am Beispiel Lu Jong von Loten Dahortsang, Meditationslehrer am Tibet-Institut Rikon:

Lu heisst Körper und Jong bedeutet übung. Die Lu Jong übungen sind ein wichtiger Teil der Tantrischen Lehre im Buddhismus. Ein tibetischer Mönch studiert in den Klöstern über 20 Jahre die klassische Lehre Sutra und danach zieht er sich für drei Jahre zurück in die Bergeinsamkeit oder in die Klausurzelle des Klosters um die tantrischen übungen von einem Meister, Drubpön zu erlernen und zu praktizieren. In den drei Jährigen Zurückziehung üben die Mönche mindestens 6 Monate die Körperübungen auch Tsa Lung Trul khor genannt. Die Anzahl der übungen sind sehr zahlreich je nach Tantra.

Die im Lu Jong Buch veröffentlichten übungen haben insbesondere medizinische Wirkung. Die Eremiten, die zurückgezogen ohne medizinische Versorgung in den Bergen lebten, machten die übungen um sich vor Krankheiten zu schützen und sich zu heilen wenn sie krank waren. Zum Beispiel die übung „wie der Geier greift“ hilft gegen Rheuma und Arthritis. Durch die Bewegungen werden die Meridiane und die Akupunkturpunkte im Körper stimuliert. Lung-Energie und Thigle-Essenzen können ungehindert harmonisch fliessen. Mit der Sensibilisierung des feinstofflichen Körpers finden wir ganz anderen Zugang zum Geist und zur Spiritualität.

Als Kind fand ich ein buch über tibetische Körperübungen in der Klosterbibliothek in Rikon. Ich war von diesem buch ganz angetan. Der Autor des Buches Lama Tathang Tulku lebte in Kalifornien und ich hatte keine Möglichkeit dorthin zu reisen. Vor 14 Jahren begleitete ich einen Lama und Arzt, der Begründer des Chagpori Instituts in indien, Dr. Trogawa Rinpoche nach österreich. Er zeigte mir eine einzige Körperübung, die ich 6 Jahre lang regelmässig übte.

Vor 8 Jahren kam ein gelehrter Lama aus Amdo, Tulku Lama Lobsang auf Einladung seiner Schüler in die Schweiz. Seine Belehrungen waren für mich sehr inspirierend. Er lud mich nach Indien ein, um bei ihm die Körperübungen zu erlernen. Der Lama war bereit, die Körperübungen auch im Westen bekannt zu machen. Wir veröffentlichten ein Buch über Lu Jong beim O.W. Barth Verlag. Das Buch wurde erfolgreich an der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Auf Empfehlung vom Lama gehe ich seit 2 Jahren für einige Monate im Jahr nach Indien um beim Abt des Jonang Klosters Körperübungen und Tsa Lung Praxis des Kalachakra Tantra zu erlernen.

Seit fünf Jahren unterrichte ich Lu Jong in Rikon, daneben in Aargau, Luzern, Zürich, Winterthur ferner in Stuttgart, Hamburg und München. Die Kurse und Seminare sind gut besucht. Das grosse Interesse für Lu Jong im westen liegt vielleicht darin, dass die Wirkung der übungen schnell erfahrbar ist. Die Kursteilnehmer wollen die Kraft einer Meditation oder einer übung spüren und im Alltag praktisch anwenden. Das Interesse für eine gute Wiedergeburt und für die Erleuchtung ist im Westen gering.
Die Menschen sind heute dem Alltagskampf ausgesetzt wo wenig Wärme, Zuneigung und Kooperation gibt. Körper, Seele und Gefühle kommen zu kurz. Das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit. Nicht bewusster Umgang mit den Lebenserfahrungen wie Krankheit und Tod. Das nachdenken über Vergänglichkeit und Veränderung im Leben, das alles sind wichtige Themen in der Lehre des Buddha.
 

PADMA - Newsletter April 2009

PADMA AG, Wiesenstrasse 5, CH-8603 Schwerzenbach, Switzerland
Phone +41 (0)43 343 44 44, Fax +41 (0)43 343 44 43, mail@padma.ch , www.padma.ch

Lu Jong, mehr als tibetisches Yoga

5 Fragen an Loten Dahortsang. Der Meditationslehrer leitet Lu Jong Kurse in der Schweiz und Europa.

Loten Dahortsang, wie „funktioniert“ Lu Jong?
Mit Hilfe von bestimmten Bewegungsabläufen werden Lebenssäfte und Elemente im Körper ins Gleichgewicht gebracht, so dass daraus Gesundheit resultiert. „Lu“ bedeutet Körper und „Jong“ heisst Übung.

Wer hat diese Heilkörperübungen „erfunden“?
Tibetische Mönche, die als Eremiten in den Bergen Tibets lebten und von jeglicher ärztlichen Versorgung abgeschnitten waren. Aus ihrem uralten medizinischen Wissen entwickelten sie spezifische Bewegungsabläufe, mit deren Hilfe sie Leib und Seele gesund hielten und Krankheiten zu heilen versuchten.

Was sind die Unterschiede zu Yoga und Tai Chi?
Lu Jong ist mit rund 6000 Jahren die älteste Bewegungslehre Asiens, älter als das indische Yoga und das aus China stammende Qi Gong, aus dem sich später das Tai Chi weiter entwickelt hat.

Wie sind Sie persönlich auf Lu Jong gekommen?
Als Kind fand ich in der Klosterbibliothek in Rikon ein Buch über tibetische Körperübungen. Ich war schon damals davon angetan. Vor 14 Jahren zeigte mir der bekannte Lama und Arzt, Dr. Trogawa Rinpoche, eine einzige Übung, die ich sechs Jahre lang übte. 2001 lud mich ein gelehrter Lama, Tulku Lama Lobsang, nach Indien ein, um bei ihm das Lu Jong zu erlernen. Inzwischen unterrichte ich in der Schweiz sowie in Deutschland.

Wann und wo finden Ihre Kurse statt?
In Rikon, Winterthur, Luzern, Lenzburg, Bern, Zürich, Hamburg und München. Mehr Infos unter www.dharmakreis.ch. Eine Lu Jong-Übung zum Ausprobieren finden Sie im „Glossar Tibetische Medizin“ auf www.padma.ch.